Tobias Bauschke Tobias Bauschke

Markt oder Macht? Europas Schicksalsfrage

Die Uhr tickt schneller. Nicht leiser, nicht diskreter, sondern mit jener schrillen Unüberhörbarkeit, die den Zerfall politischer Gewissheiten ankündigt. Was sich heute in Washington, Peking und Brüssel beobachten lässt, ist keine Episode gewöhnlicher Machtkonkurrenz, sondern die schleichende Auflösung einer Ordnung, in der Europa sich zu bequem eingerichtet hat.

Mit der Rückkehr Donald Trumps ins Weiße Haus verliert der transatlantische Pfeiler seine Selbstverständlichkeit. Bündnisse werden zur Verhandlungsmasse, Sicherheitszusagen zu Konditionen, Verteidigung zur Dienstleistung, die bezahlt, nicht geteilt wird. Die Botschaft an Europa ist unmissverständlich: Schutz ist kein politisches Naturrecht, sondern eine Option – und sie kann entzogen werden. Die vermeintliche Gewissheit, dass amerikanische Sicherheitsgarantien im Zweifel immer gelten, ist zur riskanten Illusion geworden.

Gleichzeitig drängt China mit geoeökonomischer Präzision in jene Räume, in denen Europa sich lange als Normensetzer wähnte. Peking kombiniert Industriepolitik, Technologieoffensiven und strategische Investitionen zu einem Instrumentarium, das Abhängigkeiten schafft und politische Optionen verengt. Wer sich auf Handel als Ersatz für Macht verlässt, erkennt zu spät, dass Lieferketten sich auch als Druckmittel eignen.

Europa steht damit in einem geopolitischen Dreieck, in dem es wirtschaftlich stark, sicherheitspolitisch aber unterversorgt ist. Die Europäische Union spricht von „strategischer Autonomie“, verfügt aber weder über die institutionellen Mittel noch über den politischen Willen, diesen Anspruch in harte Fähigkeiten zu übersetzen. Außen- und sicherheitspolitisch bleibt sie ein Kompromissbetrieb: komplex, langsam, berechenbar – und damit aus Sicht anderer Mächte: kalkulierbar.

Hier liegt der eigentliche Skandal der europäischen Gegenwart: Der Kontinent erkennt seine Verwundbarkeit, benennt sie in Strategiepapiere – und handelt dennoch, als sei Zeit eine unerschöpfliche Ressource. Man beschliesst Kompasse, Fonds und Initiativen, doch man scheut jene Entscheidungen, die Besitzstände antasten und nationale Komfortzonen aufkündigen würden.

Wer in dieser Lage eine europäische Armee als Provokation abtut, verwechselt Symbolik mit Struktur. Eine solche Armee wäre kein Prestigeprojekt für Armeeromantiker, sondern die notwendige institutionelle Konsequenz aus einem einfachen Befund: Europa kann es sich nicht länger leisten, seine Sicherheit an eine Macht zu delegieren, deren innenpolitische Dynamik unberechenbar geworden ist. Souveränität im 21. Jahrhundert bedeutet die Fähigkeit, eigene Grenzen, eigene Interessen und eigene Nachbarschaften selbst schützen zu können – ohne amerikanische Rückversicherung als stillschweigend eingepreiste Konstante.

Dazu gehört mehr als eine gemeinsame Flagge auf den Uniformen. Es bedeutet, Kommandostrukturen zu integrieren, Beschaffung zu bündeln, nationale Rüstungsprojekte nicht als industriepolitische Ehrenabzeichen, sondern als sicherheitspolitische Kostenfaktoren zu betrachten. Es bedeutet, einen europäischen Sicherheitsrat zu schaffen, der handlungsfähig ist – nicht einstimmig gelähmt. Und es bedeutet, die Fiktion aufzugeben, man könne gleichzeitig maximale nationale Souveränität und maximale europäische Handlungsfähigkeit beanspruchen.

Die Rüstungsindustrie zeigt in besonderer Klarheit, wie teuer dieser Widerspruch inzwischen ist: zu viele Systeme, zu viele Interessen, zu wenig Wirkung. Europa leistet sich eine Vielfalt, die weder militärisch nötig noch wirtschaftlich rational ist. Ein integrierter Verteidigungsmarkt mit klaren Prioritäten und echter Skalierung wäre kein technokratischer Luxus, sondern die Bedingung dafür, dass jeder investierte Euro tatsächlich Abschreckung erzeugt – und nicht nur Produktion.

Europa muss sich entscheiden, ob es weiterhin primär Markt sein will – oder endlich Macht. Wer sich als Markt definiert, sieht in Konflikten vor allem Störungen von Lieferketten und Risiken für Exporte. Wer sich als Macht begreift, erkennt sie als Prüfstein der eigenen Handlungsfähigkeit. Die Welt um Europa herum hat diese Entscheidung längst getroffen. Russland tut es mit Panzern, China mit Industriepolitik, die USA mit der Kälte eines Interesses, das sich nicht mehr permanent mit europäischen Erwartungen deckt.

Die unangenehme Wahrheit lautet: Die strategische Naivität Europas ist kein moralischer Vorzug, sondern ein sicherheitspolitischer Mangel. Wer nicht bereit ist, Machtmittel zu organisieren, akzeptiert, dass andere sie einsetzen. Wer sich nicht schützt, wird behandelt. Die Uhr tickt – schneller, lauter, ungeduldiger. Noch bleibt Zeit, aus einem Markt eine Macht zu machen. Aber die Welt wird nicht darauf warten, bis Europa sich entschieden hat.

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